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Pulga

Pulga – Vorstellung der Biographie eines Straßenkindes

Einmal erzählte mir Pulga von einem Traum:

“Ich habe heute von meiner Mutter geträumt, ich hörte sie mich rufen und ich erschrak so sehr, daß ich wach wurde. Ich träume viel von meiner Mutter. Ich sehe sie im Traum weinen und habe ein schlechtes Gewissen, weil ich sie verlassen habe. Ich denke, daß ich kein gutes Kind war. Eines Tages träumte ich, daß ich nach Hause zurückkam und meine Mutter im Sterben lag. Meine kleinen Geschwister saßen an der Bettkante und weinten. Ich habe meine Mutter gesehen und war sehr traurig. Sie wirkte mir gegenüber sehr enttäuscht, und ich bin wieder auf die Straße gegangen. Aber das war nur ein Traum. Wenn ich so etwas träume, denke ich oft an meine Mutter, weil sie mir sagte, wenn man von den Toten träumt, so wird jemand in der Familie heiraten. Das ist eine gute Nachricht, aber wenn man etwas anderes träumt, z.B. von Hochzeit, so wird jemand sterben.

Manchmal sind meine Träume fürchterlich und sehr beängstigend. Andere Male träume ich, daß ich ganz reich bin und zu meiner Mutter komme, und ich gebe ihr alles, was sie sich wünscht. Ich kaufe ihr alles, was sie haben will, und ich sehe sie lachen und sich freuen. Diese Träume machen mich glücklich, aber wenn ich wach werde, sehe ich, daß ich auf der Straße bin und daß ich friere. Ich bin bei meinen Kumpels, und sie sind eigentlich meine einzige Familie. Ich träume auch oft von den Razzien der Polizei. Sie schlagen uns dabei. Manchmal sind diese Träume real. Ich spüre Schmerzen, aber das ist, weil die Polizisten uns, während wir schlafen, wirklich schlagen. Ich werde dadurch wach und meine Knochen tun weh. Meine Mutter erzählte mir, als ich noch klein war, von einem Teufel, der ungehorsame Kinder mitnimmt. Ich hatte immer Angst vor diesem Teufel. Ich dachte, er würde mich auch mitnehmen.

Die ersten Tage auf der Straße bin ich überängstlich gewesen. Ich fühlte mich verfolgt, und deshalb habe ich viel Marihuana geraucht, um alles zu vergessen. Ich konnte einige Bilder in meinem Kopf nicht loswerden, und das machte mich krank.”

Conto, Dolly. Die Straßenkinder von Bogotá – Ihre Lebenswelt und Überlebensstrategien. 5. Auflage. IKO -Verlag. Frankfurt am Main, 1998. Seite 29.