Gründerin und Leiterin des Internationalen Straßenkinder-Archiv
Dr. Dolly Conto Obregón beschäftigte sich bereits während ihres Studiums an der Technischen Universität Berlin mit dem Thema Straßenkinder. So entstanden zahlreiche Referate, Vorträge, Ausstellungen und schriftliche Arbeiten. Das Interesse vieler Zuhörer, aber besonders der ständige Austausch mit Prof. W. Karcher motivierte sie, am Thema zu bleiben, obwohl sie oft die Hoffnungslosigkeit spürte.
Sie forschte weiter und beteiligte sich an der Entwicklung pädagogischer Konzeptionen. Ihre Diplom- und später ihre Doktorarbeit behandelte die Thematik Straßenkinder. Während ihrer Forschungstätigkeit suchte sie immer direkten Kontakt zu den Kinder, sie lebte beispielsweise in Kolumbien zwei Jahre mit Kindern und Jugendlichen auf der Straße.
“Ich bin in Bogotá geboren. Als ich Kleinkind war, ist meine Familie an die pazifische Küste gezogen, da meine Eltern von dort stammten (…). Dann ist meine ganze Familie wieder in die Hauptstadt zurückgekehrt. Als wir am Busterminal in Bogotá ankamen, trafen wir auf Kinder, die auf dem kalten Bürgersteig schliefen. Sie waren von zu hause weggelaufen. Ich konnte mir nicht vorstellen, welche Gründe diese Kinder hatten, ihre Familien zu verlassen, und konnte nicht glauben, daß es so gemeine Eltern gäbe, die ihre Kinder einfach auf die Straße setzten. Es war mir alles unbegreiflich. Ich stellte immer mehr Fragen, z.B., warum so viele Kinder schon als Kleinkinder auf der Straße leben, warum ihre Eltern nicht bei ihnen sind, warum sie mit so schmutzigen Gesichtern und zu großen Kleidungsstücken herumlaufen, in denen sie wie kleine Opas aussehen. Der miserable Zustand vieler Kinder weckte mein Mitleid und meine Neugier.
Ich fand es zunächst mutig, daß ein Kind von sich aus die Familie verläßt und sich für das Leben auf der Straße entscheidet. Später versuchte ich, die Gründe für das Phänomen in historisch gewachsenen politischen und ökonomischen Verhältnissen Kolumbiens zu suchen. Diese Verhältnisse sind von den internationalen Wirtschaftsbeziehungen und deren Entwicklung abhängig. Andere Gründe könnten die Konstellationen innerhalb der Familien, die hohe Anzahl der Kinder und die rigiden Erziehungsmuster sein. Nachdem ich bei mehreren Besuchen bei den Barriobewohnern ein erstes gegenseitiges Vertrauen aufgebaut hatte, nahm ich schrittweise am alltäglichen Leben einiger Familien teil. Nur so konnte ich ihr Alltagsleben, ihren alltäglichen Überlebenskampf miterleben und mitfühlen. Mit diesem allgemeinen Vorverständnis versuchte ich, mich der sozialen und familiären Realität der Lebenswelt der Straßenkinder anzunähern.”
(Conto, Dolly: “Die Straßenkinder von Bogotá – Ihre Lebenswelt und Überlebensstrategien”, Frankfurt am Main, IKO -Verlag, 5.Aufl. 1998, S.19f.)
In den folgenden 20 Jahren suchte Dolly Conto Obregón intensiv nach Antworten auf die vielen Fragen, die sie beschäftigten. Durch teilnehmende Beobachtung, Gespräche mit den Familienmitgliedern und wissenschaftliche Studien näherte sie sich der komplexen Problematik. Sie lebte in Guatemala, Peru, Costa Rica, Bolivien und in anderen Ländern viele Jahre mit Kindern auf der Straße und baute dort verschiedene Projekte auf. Auch in Deutschland und Osteuropa betreut und berät sie Kinder und Jugendliche.
Zudem zeichnet sie Lebensbiographien einzelner Schicksale auf, eine dafon ist die Geschichte des Jungen La Pulga (der Floh).
