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Monday, 06. September 2010

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  • Portrait: La Gata Print E-mail
     

    La Gata"Das akzeptieren sie nicht, daß ich frei bin und mein eigenes Leben habe!". Sie war zwölf Jahre alt und besuchte die dritte Grundschulklasse, als sie von zu Hause wegging. Sie weigerte sich, nach Hause zurückzukehren und die Schule weiter zu besuchen.

    La Gata erzählte über die Gründe, aus denen sie ihr Elternhaus verlassen hatte, folgendes: "Ich hatte meinen Vater einfach satt! Er glaubte, mir immer alles befehlen zu können, wozu er Lust hatte. Mein Vater wollte ständig etwas von mir. Er war der Meinung, ich sollte ihm jeden Wunsch, auch sexuell, erfüllen, weil ich seine Lieblingstochter war. Ich weinte immer, aber meine Tränen interessierten ihn nicht. Ich wußte nicht mehr, wie ich mich dagegen wehren könnte. Deshalb bin ich eines Tages von der Schule nicht mehr nach Hause gegangen. Da habe ich Lupe kennengelernt. Als erstes wollte sie meine Schulhefte sehen, und ich sollte ihr erzählen, was ich in der Schule lernen würde. Sie lachte und sagte mir, daß das alles nur Scheiße wäre. Ich sagte ihr, sie habe recht, und dann bin ich mit ihr zusammengeblieben." ( ...). Vgl. Conto, D. :"Die Straßenkinder von Bogotá: Ihre Lebenswelt und ihre Überlebensstrategien", Frankfurt/M: Verl. für Interkulturelle Kommunikation, 5. Auflage 1998, Seite 68

    "Ich gehe nicht in ein Internat! Das wollte meine Mutter, als ich ihr erzählte, daß mein Vater ständig etwas von mir wollte. Beide wollten mich 'totschlagen', weil ich weggeblieben bin! Deshalb habe ich Angst, nach Hause zurückzugehen, aber ich habe oft Heimweh. Ich habe fünf Brüder und noch zwei Schwestern. Seitdem meine älteste Schwester aus dem Haus gegangen war, blieb ich ganz allein, denn meine älteren Brüder waren auch alle weggegangen. Meine Mutter arbeitet in einem Geschäft als Verkäuferin. Aber sie will mich nicht sehen. Damals, als ich ihr sagte, daß ich nicht wüßte, warum mein Vater mich oft abends weckt und mit mir solche Sachen macht, schrie sie mich an und behauptete, ich wäre eine Lügnerin, eine Hure und zu nichts zu gebrauchen. Ich weinte ununterbrochen und sprach nicht mehr mit ihr. Als sie mir sagte, daß ich verschwinden und nicht solche Lügen verbreiten sollte, denn mein Vater sei ein guter Mann, den sie nicht verlieren wolle, wußte ich, daß ich nun ganz allein war. Ich verstand meine Mutter nicht. Ich wünschte mir, daß sie auf meiner Seite stehen und mich verteidigen würde. Eigentlich war sie eine gute Frau, denn sie war immer lieb zu uns und sorgte dafür, daß wir die Schule besuchten. Aber sie war so selten zu Hause, und wenn sie von der Arbeit zurückkam, war sie so erschöpft, daß wir sie kaum sahen. Sie stand früh auf und sagte uns, was wir machen sollten, und blieb dann bis abends weg. Meine Schwester und ich mußten immer alles zu Hause machen: kochen, waschen und das Haus in Ordnung halten. Wir wohnten im Stadtviertel "Lucero". Dort hatten wir eine kleine Zweizimmerwohnung.

    Mein Vater kam nach Hause, wann es ihm paßte. Er belästigte mich ständig und prügelte mich beinahe zu Tode, wenn ich mich weigerte, ihm zu gehorchen. In diesem Haus konnte ich nicht einmal in Ruhe schlafen. Ich mußte früh aufstehen, viel arbeiten, und nur wenn ich Zeit hatte, konnte ich die Schule besuchen. (...)" Vgl. ebd. Seite 69ff.

    La Gata teilte das Schicksal vieler Mädchen, die sexuell mißbraucht werden. Im Gegensatz zu anderen rebellierte sie und verließ ihr Elternhaus, in der Hoffnung, neue Wege zu finden. Sie fühlte sich nun auf der Straße freier und glücklicher. Über das sexuelle Verlangen und die Herrschsucht ihres Vaters war sie sehr verbittert. (...). Die Spontanität und Selbstverständlichkeit, mit der La Gata mir begegnete, machte es mir leicht, den Kontakt zu ihr aufzubauen. Ich bekam den Eindruck, daß sie mich als eine unbeteiligte Instanz brauchte und jemanden haben wollte, der sie verstand und akzeptierte.

    La Gata verhielt sich auffallend anders als die anderen Mädchen. Sie wirkte ausgeglichen, ihre Bewegungen und Haltungen spiegelten ihre innerliche Ruhe wieder. In ihren Urteilen bezog sie sich fast ausschließlich auf ihre Erfahrungen. Sie wollte unabhängig sein und lehnte es ab, sich in etwas einzumischen, was sie binden oder verpflichten würde. Trotzdem war sie gut in die Gruppe integriert und war bei den meisten Aktivitäten dabei. Sie äußerte oft ihre Meinung, auch wenn diese von denen der anderen Gruppenmitglieder abwich. Innerhalb der Gruppe wird sie akzeptiert, gerade weil sie sich anderen gegenüber als sehr hilfsbereit zeigt.(...)

    La Gata hatte versucht, zu ihrer Familie zurückzukehren: "Ich bin nach Hause gegangen, um zu sehen, was dort läuft. Ich freute mich, meine Geschwister wiederzusehen, und hatte auf einmal das Gefühl, daß ich wieder nach Hause wollte. Als meine Eltern mich sahen, fragten sie mich, was ich zu Hause suche und was ich wolle. Mein Vater sagte zu mir, ich solle verschwinden und keine Lügen verbreiten, denn er habe mir nichts getan, und meine Mutter würde mir sowieso nichts glauben.". Für la Gata schien die Zeit des Pendelns zwischen Familie und Straße noch nicht abgeschlossen zu sein. Ihr Besuch zu Hause löste einen großen Konflikt in ihr aus. Sie fühlte sich erneut abgelehnt, von ihren Eltern verleugnet. Sie waren nicht bereit, ihr die Wärme und Geborgenheit zu geben, die Kinder von ihren Eltern erwarten dürfen. Ihre Eltern sehen in ihr nur einen Störfaktor. Sie darf fortan nicht einmal zu ihren kleineren Geschwistern Kontakt haben. “Schließlich sagten sie, ich sei eine Hure, und schmissen mich raus. Ich glaube, das war das letzte Mal, daß ich zu meiner Familie zurückkehren wollte! Jetzt sind die alle für mich gestorben!" Verwirrter als vorher kehrte la Gata deshalb wieder auf die Straße zurück.(...) Vgl. ebd. S.70f.

    Wo sind la Gata und ihre Freundinnen jetzt?

    Weiterlesen: Dolly Conto, "Die Straßenkinder von Bogotá: Ihre Lebenswelt und ihre Überlebensstrategien", Verl. für Interkulturelle Kommunikation, Frankfurt/M, 5. Auflage 1998.

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